Der Werkzyklus bewegt sich in einem offenen Raum – einem Raum, in dem Kunst nicht als fertiges Ergebnis erscheint, sondern als Geflecht aus Entscheidungen, Experimenten und Reflexionen. Die Arbeiten von Andrea Wögerbauer kreisen um eine zentrale Frage: WIE WERDE ICH ZU DEM WAS ICH BIN?

Diese Frage steht nicht nur über der Ausstellung, sie durchzieht die Arbeiten selbst. Denn hier geht es nicht um Identität als etwas Festes, nicht um etwas Abgeschlossenes oder Eindeutiges, sondern um Identität als Prozess – als etwas, das sich bildet, verändert, überlagert und immer wieder neu hinterfragt wird. Der zentrale Ausgangspunkt dafür sind Texte, Gedanken und Formulierungen von Paul Valery. Seine philosophischen Schriften, seine Notizbücher (Cahiers) und seine Sätze über Denken, Bewusstsein, Sprache und Wahrnehmung sind für Andrea Wögerbauer keine bloße Referenz, sondern ein Denkraum, aus dem diese Arbeiten hervorgehen.

Valery interessiert sich nicht nur für Ergebnisse, nicht nur für Aussagen, sondern für den Vorgang selbst: dafür, wie Denken entsteht, wie Bewusstsein sich formt, wie Wahrnehmung auf das eigene Ich zurückwirkt. Oder in einem seiner knappen, kraftvollen Sätze: „Ich mache meinen Geist.“

Das ist ein bemerkenswerter Satz. Denn er bedeutet: Unser Denken ist nichts, das einfach feststeht. Unser Bewusstsein ist nichts Fertiges. Auch die eigene Persönlichkeit ist nicht nur gegeben, sondern etwas, das sich bildet – durch das, womit wir uns beschäftigen, durch das, was wir wahrnehmen, durch das, was und wie wir denken. Und genau darin liegt etwas Befreiendes: die Vorstellung, nicht festgelegt zu sein, nicht abgeschlossen, sondern in Bewegung – offen für Veränderung und Weiterentwicklung.

Genau diese Offenheit zieht sich durch die neuen Arbeiten von Andrea Wögerbauer. In den Bildern zeigt sich dies in Schichten: in Figuration und Auflösung, in Lesbarkeit und Unlesbarkeit, in der Spannung zwischen Bild und Text. Es gibt immer eine zweite Ebene – eine Metaebene, wenn man so will – manchmal sichtbar, manchmal nur intuitiv „erspürbar“. Etwas erscheint und entzieht sich zugleich. Ein Gesicht ist erkennbar und löst sich wieder auf. Figurativ und abstrakt. Ein Satz ist sichtbar, aber entzieht sich dem vollständigen Lesen und Erkennen. Das ist keine bloße ästhetische Entscheidung. Es ist eine Form des Denkens. Eine Bildsprache, die nicht ad hoc zugänglich ist, sondern einen Prozess sichtbar macht.

Besonders deutlich wird das in der „Blauen Porträtreihe“ (siehe unten): Sieben Gesichter, deren klare Umrisse sich in Farbe auflösen. Unter jedem Bild finden sich Morsezeichen, die gemeinsam das Wort „Momente“ergeben – und zugleich steht jedes einzelne Bild für sich, mit eigener Dauer, eigener Intensität, eigener Wahrnehmung.

Es zeigt sich etwas Grundsätzliches: Zeit erscheint nicht als etwas objektiv Messbares, sondern als etwas Subjektives. Als etwas, das wir erleben, erinnern und unterschiedlich wahrnehmen. Zeit ist nicht einfach da – sie verändert sich mit unserem Zustand, mit unserer Aufmerksamkeit, mit unserem Bewusstsein.

Deshalb tauchen in diesen Arbeiten auch Themen wie Wachsein, Traum und Zwischenzustände auf: Momente, in denen nicht ganz klar ist, ob wir handeln oder nur wahrnehmen, ob wir ganz präsent sind oder in einer anderen inneren Wirklichkeit. Auch solche Erfahrungen gehören zu diesem Prozess des Werdens. Genau darin liegt der Kern dieser Werkserie: Das Ich ist nichts Starres. Alles, was wir wahrnehmen, hat immer auch mit uns selbst zu tun. Denken, Erinnern, Sehen und Sprechen – die Auseinandersetzung mit dem Ich ebenso wie die Interaktion mit dem „Außen“ – verändern uns stetig.

Oder anders gesagt: WIE WERDEN WIR ZU DEM, WAS WIR SIND.

Kunst ist ein Raum, in dem das Werden sichtbar wird.

Text von Kuratorin Mag. Katrin-Sophie Batz (Künstlermanagement, Sammlung, Texte)

http://www.thebatzcollection.com

Aus: Die Ordnung der Zeit Carlo Rovelli

Eine dem gesamten Universum gemeinsame Zeit gibt es nicht. Vor Ort vergeht die Zeit in unterschiedlichem Tempo – je nachdem, wo wir uns befinden und mit welcher Geschwindigkeit wir uns bewegen. Es gibt keine spezielle Variable Zeit, keinen Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft und keine Raumzeit. Dennoch können wir Gleichungen aufstellen, welche die Welt beschreiben. In ihnen entwickeln sich die Variablen in Beziehung zueinander. Es gibt keine statische Welt. Die Welt ist eine der Geschehnisse, nicht der Dinge.

Aus unserer Perspektive, der von Wesen, die einen kleinen Teil der Welt ausmachen, sehen wir das Weltgeschehen in der Zeit ablaufen. Weil unsere Interaktion mit der Welt nur partiell ist, nehmen wir sie unscharf wahr. Die Ausrichtung der Zeit ist folglich real, aber perspektivisch bedingt.

 

Bewegungsstudie/ Öl auf Leinwand/ 30 x 30

Die neue Serie der Künstlerin Andrea Wögerbauer erzählt eine Geschichte, die weit über das Sichtbare hinausgeht und einlädt, die Komplexität unsererWelt zu reflektieren – eine Welt, in der Simplifizierung oft zu einer Wahl zwingt. Die Kunstwerke stehen sinnbildlich für eine Reduktion, entstanden mit nur drei Farben: Weiß, Rosa und Schwarz – letzteres lediglich als Hintergrund, als Fundament. Schwarz wird hier nicht als Farbe der Figuren verwendet, um sie bildsprachlich von dem Negativen abzuschirmen, welches allzu oft in unsere Wahrnehmung und Urteile eindringt, was wiederum eine Art visuelle Metapher für den Verzicht auf absolute Aussagen ist. Die Figuren in den Bildern sind frei von Schwarz, einer Farbe, die oft mit festen Konturen und definitiven Grenzen assoziiert wird. Diese Entscheidung symbolisiert die Weigerung, klare und abschließende Urteile zu fällen. Die Kunst erzählt ihre Geschichte ohne den Druck, das letzte Wort zu haben, und fordert uns auf, unsere eigenen Interpretationen und Schlussfolgerungen zu ziehen. Inmitten dieser Reduktion entsteht eine Vielzahl von Interpretationen, und wie die englische Schriftstellerin George Eliot (das Peudonym einer englischen Schriftstellerin und Journalistin aus dem 19. Jahrhundert) einst sagte: „Don’t judge a book by its cover!”. Die Künstlerin fordert uns mit ihren Werken gegen absolute Schlussfolgerungen zu protestieren und fordert uns auf, hinter den Schein zu blicken.

Jede Figur in diesen Werken trägt eine eigene Geschichte. Wir als Betrachter:innen werden herausgefordert, die Kunst nicht nur zu sehen, sondern sie mit unserer eigenen Geschichte zu füllen, sich darin zu spiegeln oder den Widerstand zu spüren und sich darüber hinaus davon berühren zu lassen. Das zweite für die Werkserie relevante Zitat „I protest against any absolute conclusion“ von George Eliot verweist auf die Idee, dass unsere Wahrnehmung und unser Urteil nicht in starren Gewissheiten enden sollten. Die Werke laden bewusst dazu ein, Fragen zu stellen, statt Antworten zu liefern und sich auf die Komplexität des Lebens und die Mehrdeutigkeit menschlicher Erfahrungen einzulassen.

Die Künstlerin integriert Fragmente der George Eliot Zitate, die nicht auf den ersten Blick “erlesbar” sind, in ihre Werke und schafft damit eine faszinierende Verbindung zwischen dem narrativen und visuellen Element. Dieses Zusammenspiel bereichert ihre Kunst, indem es die Betrachter:innen sowohl zum Lesen, zum Verstehen als auch zum Interpretieren und Kontextualisieren auffordert.

Die Werke verkörpern ein ständiges Hinterfragen und eine Offenheit gegenüber den Veränderungen und Schattierungen, die unsere Existenz ausmachen. Jede Schlussfolgerung ist immer nur eine Momentaufnahme, ein Fragment in einer Geschichte, die sich fortsetzt.

Auch politisch wird die Kunst hier spürbar: Jede Entscheidung, die wir treffen, ist ein Akt des Widerstands gegen einfache Wahrheiten. Die Werke zeigen, dass auch Kunst Teil unserer politischen und gesellschaftlichen Realität ist – ein ständiger Prozess des Hinterfragens und Veränderns.

Andrea Wögerbauer fordert uns mit ihren Werken auf, hinter Oberflächen zu blicken, unsere Perspektiven zu erweitern und uns auf die Vielschichtigkeit des Lebens einzulassen.

Denn wie George Eliot sagte: „Don’t judge a book by its cover.”

Text von Kuratorin Mag. Katrin-Sophie Batz (Künstlermanagement, Sammlung, Texte)

http://www.thebatzcollection.com







letter to a friend/ Öl auf Leinwand/ 100 x 90

I wish you endless dreams and the furious desire to make some of them come true. I wish you to love what needs to be loved and to forget what needs to be forgotten. I wish you passion. I wish you silence. I wish you birdsong and childrens laughter. I wish you respect for the differences of others. I wish you to resist the stagnation and the indifference. I wish you to never give up the search for adventure, life and love. Above all I wish you to be yourself, to be proud of who you are and to be happy. Because happiness is our destiny.

head in the clouds / Öl auf Leinwand / 80 x 70

Chopinesque – Jon Batiste – Topic

Mutter mit Kind/ Öl auf Leinwand/ 100 x 80
Ihr messt nach der Dauer das Leben
berechnet nach Jahren die Zeit
ich zähle nicht Tag und nicht Stunde
ich hab in einer Sekunde
durchlebt die Ewigkeit.

Viel Jahre zogen vorüber
und ließen die Seele mir leer
Es blieb von keinem mir Kunde
die eine, die eine Sekunde
vergess
ich nimmermehr

Maria von Ebner-Eschenbach (1830-1916)

inspiriert von Bartleby, der Schreiber

the moment before/ Öl auf Leinwand/ 90 x 80

inner space/ Öl auf Leinwand/ 90 x65

Stilleben/ Öl auf Leinwand/ 40 x 30

…ich höre, du sagst

Welche Geräusche machen wir als Gesellschaft – als Generation – als Individuum? Welche Spuren hinterlassen wir?

aus: Ich bleibe hier, Marco Balzano

Um etwas Gutes aus der Zukunft zu machen, muss man der Gegenwart ins Gesicht sehen. Simone de Beauvoir
I come from another planet
I stand in the corner pretending I`m a tree

inner attitude/ Öl auf Leinwand/ 80 x 60

blowing in the wind/ Öl auf Leinwand/ 70 x 80

the value of possession/ Öl auf Leinwand/ 130 x 200

untitled/ Öl auf Leinwand/ 40 x 50 – 40 x 75